Die grosse weite Welt
Coaching für Lernende und StudierendeAlena ist 17 Jahre alt. Steht sie jemandem gegenüber, sieht sie vom Gesicht einen Ausschnitt grad etwa so gross wie die Nase. Schreibt sie eine Prüfung, sieht sie auf dem Aufgabenbogen nicht mehr als vier bis fünf Wörter auf einen Blick.
In der Fachsprache heisst dies Röhrenblick. Umgangssprachlich spricht man von «Tunnelblick» – ein Begriff, der nicht nur in der sprichwörtlichen Bedeutung eine enge Perspektive beschreibt, sondern auch ein reales Sehphänomen darstellt.
Als wenn man in einem langen Tunnel zuhinterst ein Stück Tageslicht erspäht.
Alena hat eine Sehbeeinträchtigung. Doch dies hat die junge Frau bisher nicht auf ihrem Weg behindert.
Das Schweizerische Blindenmuseum «anders sehen» bietet Ihnen in seiner Ausstellung die Möglichkeit, mit speziellen Brillen diese Sehbeeinträchtigung selber zu erleben.
Alenas Traum von der Weite
«Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Vielleicht kommt mein Wunsch, in einer Grossstadt zu leben, daher.» Dank Ambulantem Dienst der Blindenschule Zollikofen erhält sie die individuelle Unterstützung, die es ihr ermöglicht, zuhause die ersten Schuljahre zu besuchen. Sie ist eine gute Schülerin. Als sich der Übertritt in die Sekundarschule abzeichnet, entscheidet die Familie, dass Alena die Blindenschule in Zollikofen besucht. Die Übernachtungsangebote in den Wohngemeinschaften auf dem Schulgelände ermöglichen der Berner Oberländerin flexibles Übernachten.
Lang bevor Alena im Sommer 2024 die obligatorische Schulzeit abschliesst, weiss sie genau, wo sie dereinst ihr Geld verdienen möchte: in einer Bank oder einer Versicherung. «So kann ich überall auf der Welt arbeiten.» Alena möchte dann in einem Wolkenkratzer wohnen. Ein Wolkenkratzer mit Weitblick. Ausgerechnet.
Sie schreibt Dutzende von Bewerbungen. Doch die Lehrstellensuche verläuft harzig. Eine Übergangslösung muss her. Sie schreibt sich an der Fachmittelschule FMS in Bern ein. Sie paukt Schulstoff in den Themen Gesundheit, Soziale Arbeit sowie Pädagogik, der sie auf die Studiengänge an den Höheren Fachschulen vorbereitet. Oder mit einer Fachmaturität für eine Fachhochschule.
Das hat so gar nichts mit Alenas Traum zu tun. Das ist die Krux.
Alena ist ungeduldig.
Maria Schaffner hat die Geduld.
Maria Schaffner ist Ausbildungs- und Jobcoach der Blindenschule Zollikofen. Sie ordnet farbige Zettel auf dem Boden. Rund um die Berufswege «FMS» und «KV-Lehre» bilden sich je Wolken von Argumenten, Befindlichkeiten und Wünschen. Mit sanfter, doch bestimmter Stimme klärt sie mit Alena das Ziel der heutigen Coaching-Stunde: Rückblick auf eine Schnupperwoche, auf die Prüfungen, Ausschau für ein Praktikum im Rahmen der FMS. Ist die Lehrstelle weiterhin Alenas oberste Priorität? Oder kann sie sich einen Schulabschluss in der FMS vorstellen?
Fragt man Maria Schaffner, was ein Coaching konkret bedeutet, beschleichen einen mit der Zeit Zweifel, ob sich alle ihre Aufgaben in eine Arbeitswoche packen lassen. Sie spricht täglich mit vielen Menschen. Mit Rektorinnen, Sportlehrern, Ausbildenden, IV-Zuständigen, Vätern und Müttern, Optikern, Augenärztinnen, Arbeitgeberinnen, Kollegen. Und regelmässig mit ihren Klientinnen und Klienten. Ausser Alena sind da unter anderen eine Gymnasiastin, eine Studentin im Bachelorstudium, ein Master-Student und ein KV-Lehrling. «Ja, zu diesem Job gehören viele Gespräche. Und ein grosses Netzwerk. Und viel Administratives», lacht sie. Und Verhandlungsgeschick, Übersicht, Flexibilität, Geduld. Vor allem Geduld.

«Wir unterstützen die jungen Menschen darin, eine grösstmögliche Selbständigkeit zu erlangen. Wir erarbeiten die Ziele immer gemeinsam mit unseren Klientinnen und Klienten. Als Coachin bringe ich nicht die Lösung, sondern ich unterstütze sie, Lösungen zu finden und ihr Potenzial zu entfalten.»
Maria Schaffner
Alenas Traum von der Praxis
Wer Kontakt zu Teenagern hat, weiss um ihre Einsilbigkeit. Alles ist ok. Nur nicht auffallen. Am liebsten in Ruhe gelassen werden. Da braucht es für ein Gespräch schon mal den Anlauf von drei, vier Fragen. Geht es um Hilfsmittel für den Unterricht, winkt Alena ab: «Brauch ich nicht.» Während die Antworten zur Schule kurz bleiben, taut Alena langsam auf, wenn sie von ihren Eindrücken beim Schnuppern bei der IV-Stelle des Kantons Bern erzählt. «Die Menschen dort sind nett, ich habe mich wohlgefühlt.» Obwohl eine Lehrstelle strenger ist, – sind doch die Tage länger und der Weg dorthin umständlicher –, will Alena lieber heute als morgen die Schulbank mit einem Alltag unter Arbeitskolleginnen tauschen.
Maria Schaffners Aufgabe ist nicht, diese Zielstrebigkeit zu werten. Sie begleitet Alena in ihrem Wunsch, eine Lehrstelle zu finden. Gleichzeitig achtet sie darauf, dass Alena den schulischen Anforderungen gerecht wird. «Wir unterstützen die jungen Menschen darin, eine grösstmögliche Selbständigkeit zu erlangen», erklärt Maria Schaffner und präzisiert: «Wir erarbeiten die Ziele immer gemeinsam mit unseren Klientinnen und Klienten. Als Coachin bringe ich nicht die Lösung, sondern ich unterstütze sie, Lösungen zu finden und ihr Potenzial zu entfalten.»
Szenenwechsel
Am Ende des Schultags kehrt Alena nach Zollikofen zurück. Dort wohnt sie zusammen mit anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in einer ersten beruflichen Ausbildung stehen. Die Blindenschule Zollikofen spinnt nicht nur schulische oder berufliche Netze für die jungen Menschen. Sie bereitet sie auch im Alltag auf ihre Selbstständigkeit vor. In den Wohngemeinschaften können sie so viel Gemeinschaft zulassen, wie sie möchten. Das Entscheidende jedoch: Sie finden immer eine Ansprechperson.
So kann erfolgreiche Integrationsarbeit gelingen. Junge Menschen mit Beeinträchtigung, die ihre Berufswünsche verwirklichen können. Und übrigens: Kurz vor Publikation dieser Reportage erhielt Alena die Zusage für die Lehrstelle. Herzliche Gratulation!
Information über Retinitis pigmentosa, den «Röhrenblick»
Der Begriff «Röhrenblick» repräsentiert die Auswirkungen jener Netzhauterkrankungen, bei denen sich das Gesichtsfeld von aussen röhren- oder tunnelförmig einengt. Hierzu gehören unter anderem die Retinopathia Pigmentosa, oder auch das Glaukom. (Quelle: SZBlind)